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Die Dringlichkeit der Umstellung auf eine kohlenstofffreie Produktion

Article | Read Time 9 Min | WBCSD Net Zero Manufacturing Masterclass Series
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Ben Moens Managing Director, Sustainability Solutions - EMEAI
Alexander Nick Director, Climate Action, WBCSD
Sesilia Plavina Sustainability Solutions Manager

Teil 1 der WBCSD Net Zero Manufacturing Masterclass Series

Energie und Prozessemissionen in der Fertigungsindustrie sind für rund 30 % der weltweiten CO₂-Emissionen verantwortlich — dies entspricht etwa 14 Milliarden Tonnen. Mithilfe einer erfolgreichen Transformationsstrategie zur Beschleunigung der Dekarbonisierung und Senkung der Scope-1- und Scope-2-Emissionen im Fertigungssektor kann die sich zuspitzende Klimakrise erheblich beeinflusst werden. Der Weg dorthin wird jedoch kein leichter sein.

Was ist die Net Zero Manufacturing Masterclass Series?

Emissionssenkungen für die Zielerreichung erforderlichen Größenordnung werden in der Tat die größte Transformation sein, die die meisten Unternehmen je erleben werden – mit Auswirkungen auf die gesamte Wertschöpfungskette sowie alle Interessengruppen und Akteure. Sie wird zudem ein kontinuierliches, mehrjähriges Verpflichtung sowie eine einführung innovativer Technologien, Investitionen und flexibler Lösungen erfordern. Die Unternehmen wissen, dass sie handeln müssen und haben sich ehrgeizige Ziele gesetzt. Umso überraschender ist es, dass nur wenige angemessen vorbereitet und in der Lage sind, die Transformation erfolgreich umzusetzen.

Zu Beginn unseres Weges hin zu einer wirksameren Dekarbonisierung des Fertigungssektors werden wir uns auf vier Themenfelder konzentrieren, mit denen Unternehmen Selbstvertrauen dahingehend gewinnen können, dass sie auf eine emissionsarme Zukunft wirklich vorbereitet sind:

  1. Integrierte Lösungen entwickeln durch eine optimierte Nutzung verfügbarer Dekarbonisierungshebel.
  2. Investitionsentscheidungen langfristig betrachten.
  3. Einen Dekarbonisierungsleitfaden erarbeiten, der als Vorlage für diverse Standorte dienen kann.
  4. Die Bereitschaft Ihres Unternehmens für die Net Zero-Transformation verbessern und erste Schritte definieren.

Einstieg in eine erfolgreiche Net Zero-Transformationsstrategie

Umfassende, integrierte Dekarbonisierungslösungen entwickeln

Technische und operative Abteilungen, Finanzen oder Beschaffung – viele interne Akteure treffen eigenständige Dekarbonisierungsentscheidungen mit unterschiedlichen Fristen. Bei dieser Art der Entscheidungsfindung sind drei typische Fallstricke zu beobachten:

  • Die Unternehmen übersehen Abhängigkeiten zwischen diversen Nachhaltigkeitshebeln und mißlingen es, die unterschiedlichen Hebel zu kombinieren, um den optimalen Weg zu Net Zero zu definieren.
  • Isolierte Maßnahmen – in der Regel mit einfachen Lösungen und schnellen Erfolgen – können ein falsches Fortschrittsgefühl erzeugen. In der Folge stehen Unternehmen oft vor schier unüberwindbaren Hindernissen, weil sie keine langfristige Strategie für ihre Net Zero-Transformation erarbeitet haben.
  • Bei einer isolierten Umsetzung von Maßnahmen werden neu aufkommende Technologien nicht berücksichtigt. Vorschnelle und isolierte Entscheidungen können eine langfristige Abhängigkeit von emisisonsintensiver Energie mit sich bringen.

In einem immer komplexeren Energiesystem mit einer Umwandlung unterschiedlichster Energieträger sind integrierte Lösungen der bessere Ansatz, um Synergien zwischen den diversen Technologien zu nutzen. Auf diese Weise werden kurzsichtige Investitionen vermieden, mit denen die Anpassungsfähigkeit an den technologischen Fortschritt beeinträchtigt werden kann. Nehmen wir beispielsweise einen Fertigungsstandort, an dem ein neuer Gasboiler installiert wird in dem Glauben, dass die Effizienz durch Ersatz des alten Boilers erhöht werden kann. Diese Entscheidung impliziert für die nächsten 30 Jahre, also die Lebensdauer des Boilers, eine Abhängigkeit vom fossilen Energieträger Gas. Wie soll so Net Zero erreicht werden?

Mit diesem Beispiel möchten wir betonen, dass die zunehmende Komplexität einen neuen, portfoliobasierten Ansatz erfordert, um den Energiebedarf mittels Kombination verschiedener Energieträger – Biomasse, Solarthermie, Wärmerückgewinnung, grüner Wasserstoff usw. – und unter Einsatz integrierter und dynamischer Modelle zu decken.

Wir haben beispielsweise die Situation an einem Fertigungsstandort analysiert, um zu bestimmen, wie der Dampfbedarf am besten gedeckt werden kann. Der von uns gefundene optimale Ansatz ist eine Kombination aus drei Lösungen: mit Biomasse betriebene Kraft-Wärme-Kopplung, ergänzt um eine Solaranlage mit einem kleineren elektrischen Dampfkessel, und ein Biomethan-Dampfkessel zur Deckung von Nachfragespitzen. Ergebnis ist eine flexible Lösung als kostengünstigster Weg zu Net Zero.

Als praktische Schritte hin zu einer Umsetzung integrierter Lösungen sollten Unternehmen drei Aspekte berücksichtigen:

  1. Aufbau von Kapazitäten, um komplexe Systeme zu managen, die Machbarkeit von Lösungen zu verstehen und datengesteuerte Entscheidungen auf der Grundlage der Interaktion der verschiedenen Optionen zu treffen.
  2. Sicherung der Zusammenarbeit und Einbindung aller Interessengruppen zum frühestmöglichen Zeitpunkt, insbesondere bei der Lösungsauswahl, da die gewählte Ausrüstung oder Technologie Einfluss nehmen wird auf die Beschaffungsstrategie, Finanzierung und alle sonstigen Aspekte.
  3. Erarbeitung eines eindeutigen Lösungsmodells inklusive Roadmap, um die Entscheidungen herauszustellen, die sofort getroffen werden müssen, sowie jene, die aufgeschoben werden können, um sie an langfristige Ziele anzupassen. So erhalten die Standorte Entscheidungsspielraum für die Zukunft, um Innovationen und neue Technologien zu berücksichtigen, die langfristige Vorteile bringen. Und dies führt uns zum zweiten Strategiefeld.

Investitionsentscheidungen mit langfristigem Zeithorizont

Unternehmen müssen ihre Net Zero-Strategie und deren Finanzierung grundlegend neu denken. Viel zu oft werden Entscheidungen zu Investitionen in technische Anlagen an den einzelnen Standorten über sehr traditionelle Modelle der Kapitalallokation getroffen. Hier steht in der Regel die Investitionsrendite oder Amortisierung über eine relativ kurze Dauer im Vordergrund, der langfristige Investitionsrahmen bleibt unberücksichtigt.

Es wäre jedoch besser, statt der Investitionsrendite die Gesamtbetriebskosten zu betrachten. Hierzu müssen entsprechende Szenarien aufgebaut, zukünftiger Entscheidungsspielraum (zu neuen Technologien und Beschaffungsmodellen) eingeräumt und eine Risikobeurteilung mittels Sensitivitätsanalyse zu Schlüsselparametern durchgeführt werden. Auf diese Weise können die finanziellen Auswirkungen einer langfristigen Strategie transparent abgebildet werden.

Anstatt zu berechnen, welche Einsparungen und Cashflows mit einer einzigen isolierten Investition erzeugt werden – insbesondere wenn das lokale Energiesystem der Zukunft komplexer und dynamischer sein wird, sollte jede Investition als ein Baustein in einem dynamischen Energiesystem betrachtet werden, das die Investitionen der gesamten Organisation bestimmt. Eine typische Investitionsrendite wird für acht bis zehn Jahre berechnet. Mit diesem Zeitrahmen ist es schwer, noch nicht marktreife Technologien zu berücksichtigen, die für zukünftige Dekarbonisierungsbemühungen eine bedeutende Rolle spielen könnten (z. B. grüner Wasserstoff). Liegt der Fokus bei einer Investition auf einer schnellen Amortisierung, läuft man Gefahr, die finanziellen Auswirkungen neuer Schlüsseltechnologien, die wirtschaftlich weitaus attraktiver sein können, von vornherein auszuschließen. Finanzmodelle sollten die Tür für zukünftige Entscheidungen offen lassen – und damit den Unternehmen die Möglichkeit geben, ihre Anlageentscheidungen zu optimieren, Beschaffungsoptionen anzupassen und das Inflationsrisiko zu berücksichtigen.

Zur Visualisierung der finanziellen Auswirkungen eines Gesamtbetriebskosten-Ansatzes beginnt man am besten mit einer klassischen Ist-Analyse und erarbeitet in der Folge verschiedene Modellszenarien, um alle möglichen Wege hin zum Net Zero-Ziel zu durchdenken. Auf diese Weise werden wirtschaftliche Entscheidungen durch zukünftige Optionen der Energiebeschaffung beeinflusst. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass oft das kostengünstigste Dekarbonisierungsmodell dem Ist-Szenario sehr ähnlich ist (aktuelle Strategie fortsetzen) und gleichzeitig potenzielle Risiken wie steigende Rohstoffpreise und verlorene Investitionen vermieden werden.

Einen Dekarbonisierungsleitfaden erarbeiten, der als Vorlage für diverse Standorte dienen kann

Bei diesem dritten Themenfeld geht es darum, Ihr Unternehmen so aufzustellen, dass die dynamische Transformation beschleunigt wird. Die Schlüsselfrage lautet, wie ein Gleichgewicht zwischen lokalen und zentralen Initiativen gefunden werden kann.

Viele Dekarbonisierungsmaßnahmen werden derzeit rein standortbasiert durchgeführt. Es handelt sich um Bottom-up-Maßnahmen, für die es keine ausreichenden Unterstützung aus einem zentralen Nachhaltigkeitsprogramm gibt. Dies führt zu drei Herausforderungen.

  1. Austausch von Erfahrungen und beispielhaften Verfahren: Es ist weder effizient noch schnell, wenn an einem Standort jedes Mal das Rad neu erfunden wird, um Energielösungen zu optimieren. Überlässt man alles dem Einzelstandort, werden unweigerlich unterschiedliche Standards bei Technologien, Instandhaltung und Betrieb die Folge sein. Die gemeinsame Nutzung von Kapazitäten im Gesamtunternehmen wird so erschwert. Den einzelnen Standorten kann zudem der Überblick über dynamischere Nachhaltigkeitsoptionen fehlen – weshalb sie oft nur mit bewährten Technologien arbeiten, anstatt sich mit Partnerstandorten über beispielhafte Verfahren und neue Erkenntnisse auszutauschen. Welche Zukunftstechnologien sollten berücksichtigt werden? Wie gestaltet und entwickelt sich das Marktumfeld in einem bestimmten Land? Die Gefahr einer Strategie auf Einzelstandortbasis besteht darin, dass die Dynamik einer Mehrstandortplattform ungenutzt bleibt. Eine solche Plattform kann jedoch Synergien und eine Standardisierung für innovative Lösungen hervorbringen und so den Wandel beschleunigen.
  2. Transaktionskosten begrenzen: Ein rein lokales Handeln stellt das Risiko, dass die indirekte Kosten Ihrer Transformation durch lokale Beschaffung und Vertragsgestaltung nach oben getrieben werden. Dies kann einen Standort dazu zwingen, sich für eine Lösung zu entscheiden, mit der die kritische Größe zur Nutzung von Skaleneffekten nicht erreicht wird.
  3. Die Transformation beschleunigen: Werden Größenvorteile nicht genutzt, verlangsamt sich die Transformation im Unternehmen, insbesondere in Verbindung mit neuen Technologien. Kein Standort möchte als Versuchskaninchen dienen und isoliert in ungeprüfte Technologien investieren. So verlängert sich die Zeit bis zur Akzeptanz einer innovativen Technologie.

Empfehlenswert ist daher eine Transformation unter Einbindung diverser Standorte und Akteure, um Größenvorteile zu nutzen und emissionsarme Lösungen harmonisiert im gesamten Unternehmen zu implementieren. Die Frage lautet nun, wie sich diese Empfehlung in die Praxis umsetzen lässt.

Wir empfehlen einen fünfstufigen Ansatz für den Aufbau eines Mehrstandortprogramms, mit dem Standardisierung und Wiederholbarkeit gewährleistet werden, um die Geschwindigkeit und den Umfang Ihres Dekarbonisierungsprozesses zu geringstmöglichen Kosten zu sichern.

  1. Pilotstandort bestimmen. Ermitteln Sie den am besten geeigneten Standort, am dem lokale und zentrale Akteure problemlos zusammenkommen können, um die besten finanziellen und technischen Optionen für Ihre Net Zero-Strategie zu prüfen.
  2. Die Erkenntnisse des Pilotstandorts in einem Dekarbonisierungsleitfaden zusammenfassen. In diesem Schritt sollten die Technologien mit ihren technischen und finanziellen Daten berücksichtigt werden sowie der länderspezifische Kontext mit gesetzlichen Vorschriften oder Marktentwicklungen. Der Leitfaden sollte den Ausgangspunkt bilden für den Austausch potenzieller Lösungen und konkreter Chancen.
  3. Den Leitfaden optimieren mit Überführung in Lösungsvorlagen oder -modelle für Energiesysteme und Austausch mit den anderen Standorten, damit diese nicht bei Null beginnen müssen.
  4. Bewertung der Klimabilanz und Prioritätensetzung. Dank der sich aus den Modellvorlagen ergebenden Standardisierung können Unternehmen die Klimabilanz schneller ermitteln und Chancenbewertungen schneller durchführen, ohne dass eine unüberschaubare Vielzahl an Lösungen betrachtet werden muss.
  5. Großflächige Umsetzung. Der Austausch von Modellvorlagen ermöglicht programmbezogene standortübergreifende Lösungssynergien. Er fördert einen gemeinsamen Gestaltungsprozess, der die Grenzen zwischen Betrieb, Energiemanagement, Technik, Nachhaltigkeit, Finanzen und Beschaffung aufbricht mit dem Ziel, die Dekarbonisierung großflächig und umfassend voranzutreiben.

Bereitschaft für die Net Zero-Transformation und erste Schritte

Wo sollten Unternehmen ihre Net Zero-Transformation beginnen? Drei Überlegungen:

  1. Geschäftsstrategie Ihres Unternehmens. Beginnen Sie Ihre Transformation dort, wo eine Übereinstimmung mit dem Wachstumsplan, potenziellen Akquisitionen oder Veräußerungen oder Prioritäten der Produktlinien gibt.
  2. Bereitschaft der Akteure. Der Transformationsprozess wird Zeit und Engagement erfordern. Wählen Sie daher die Akteure aus, die sich vollumfänglich engagieren und bereit sind, sich auf den Weg zu machen.
  3. Standortauswahl. Wir empfehlen Standorte mit hohen Emissionen, mit Anlagen, die sich dem Ende ihrer Lebensdauer nähern und mit einer großen Bandbreite an Dekarbonisierungslösungen, die für das Unternehmensportfolio repräsentativ sind. Standorte in Ländern oder Regionen mit dekarbonisierungsfreundlichen gesetzlichen Rahmenbedingungen und mit Zugang zu den Daten, die für Prognosen und Einblicke erforderlich sind, sollten ebenfalls berücksichtigt werden.

Die Net Zero-Transformation beschleunigen

Um die Net Zero-Transformation zu starten oder zu beschleunigen, muss jeder von uns kritisch erkunden, welche Schritte wir einleiten und welche Strategien wir in unserem jeweiligen Kontext anwenden müssen. Viele Unternehmen sind der Meinung, dass Sie bereits auf dem richtigen Weg sind. Die Ergebnisse aus dem Bericht zum Unternehmensfortschritt auf dem Weg zu Net Zero von ENGIE Impact zeigen jedoch, dass dies oft nicht der Fall ist. Denn auch wenn Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsprogramme und entsprechenden Kapazitäten positiv und optimistisch einschätzen, fehlen häufig die erforderlichen Voraussetzungen, also die Wegbereiter, für die Dekarbonisierung, um diese Transformation erfolgreich umzusetzen.

ENGIE Impact und der WBCSD unterstützen die Fertigungsindustrie darin, Dekarbonisierungsprogramme zu entwickeln, mit denen Unternehmen weltweit die Dekarbonisierung sofort einleiten und großflächig umsetzen können.


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