Nehmen Unternehmen die Nachhaltigkeitsverantwortung… | ENGIE Impact

Nehmen Unternehmen die Nachhaltigkeitsverantwortung ernst? Führende Unternehmen treiben den Wandel voran

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Mathias Lelièvre Chief Executive Officer, ENGIE Impact
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Ehe ich im letzten Sommer mit meiner Familie von Paris nach Boston umzog, war ich gespannt auf die unterschiedlichen Haltungen zum Klimawandel, denen ich in den Vereinigten Staaten begegnen würde – vor allem angesichts des geplanten Rückzugs der USA aus dem Übereinkommen von Paris und dem Vorschlag der US-amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA, den Clean Power Plan zurückzunehmen. Wie viele in unserer Branche stellt ich mir die Frage nach den zu erwartenden Folgen dieser Ankündigungen. Würden führende Unternehmen die Senkung der CO2-Emissionen weiter als Priorität betrachten? Würde das mangelnde Engagement der US-Regierung die Nachhaltigkeitstransformation in Unternehmen verlangsamen?

Nachdem ich die Reaktion der Unternehmen über mehrere Monate beobachtet hatte, war die Antwort eindeutig: Führende Unternehmen engagieren sich nicht etwa weniger, sondern setzen sich mehr denn je für die Senkung der Treibhausgasemissionen ein und sind sehr aktiv im Bereich Klimawandel und Nachhaltigkeit. Früher konnten klimaschutzbezogene Aussagen der Unternehmen leicht als „Greenwashing“ abgetan werden. Inzwischen hat sich die Lage jedoch verändert – nicht zuletzt weil Interessengruppen verbindliches Engagement und messbare Ergebnisse einfordern. So ergab eine globale Analyse des CDP, dass 89 Prozent der befragten Großunternehmen im Jahr 2017 Emissionsminderungsziele ausgegeben hatten. Mehr als zwei Drittel der Befragten hatten sich Ziele bis mindestens 2020 gesetzt.

Nachhaltigkeit ist nicht länger die Vision einer revolutionären Welt ohne Wachstum, in der alle etablierten Prozesse und Betriebsabläufe verändert werden müssen. Führungskräfte in Großunternehmen handeln tatkräftig, fördern finanziell tragfähige Projekte und treiben ihre Organisationen an, mehr Wachstum mit weniger Ressourcenverbrauch zu generieren. Die wichtigste verbleibende Frage lautet: Sind wir schnell genug?

Das Bündnis We Mean Business verzeichnet inzwischen eine rekordverdächtige Beteiligung: In dieser Allianz haben sich einflussreiche Unternehmen zusammengeschlossen und machen ambitionierte Zusagen, um ihren CO2-Fußabdruck zu reduzieren. Von 500 Unternehmen im Juni ist die Zahl auf heute 623 gestiegen. Das Engagement zieht sich durch alle Branchen, von Gastgewebe und Gastronomie bis hin zur Fertigung, und hat einige wirklich beeindruckende Maßnahmen bewirkt. Viele teilnehmende Unternehmen haben sogar über die Ambitionen von We Mean Business hinausgehende Ziele ausgegeben. Mars, der Süßwarenriese bekannt für Produkte wie Snickers und M&Ms, hat erst kürzlich bekannt gegeben, den CO2-Fußabdruck bis 2050 um mehr als 60 Prozent reduzieren zu wollen – eine Investition von fast 850 Millionen EUR. Walmart hat sich im April verpflichtet, die CO2-Emissionen in seiner Lieferkette bis 2030 um eine Milliarde Tonnen zu senken. Das Klimaengagement von Unternehmen hat sich von einer bloßen „Beruhigung des Gewissens“ zu einer zentralen Geschäftsstrategie entwickelt. Der Klimawettbewerb am Markt nimmt zu, da Investoren ihre Portfolios gegen Klimarisiken absichern möchten.

Dieses Engagement spricht für die Bedeutung von Nachhaltigkeit auch jenseits der staatlichen Vorgaben. Die Geschäftswelt hat verstanden, dass die neue Energiewirtschaft unmittelbar bevorsteht und die Senkung von Emissionen und Energiekosten heute für die Stabilität von morgen essenziell ist. Die Energielandschaft ist gereift: Branchenführer wählen nicht länger schlichtweg den einfachen Weg der bloßen Gebäudesanierung. Stattdessen sind standortspezifische Solarprojekte und lokale Energiebeschaffung auf dem Vormarsch. Auch Batteriespeicherprojekte, die Installation von Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge und die Optimierung des Ressourcenverbrauchs durch Zero Waste-Initiativen werden inzwischen vorangetrieben. In Zukunft werden folgende Faktoren die Nachhaltigkeitsprogramme der Unternehmen bestimmen:

  • Wissenschaftlich fundierte Ziele. Durch Nutzung verifizierter Daten und detaillierter Analysen können die Unternehmen erforderliche Maßnahmen definieren, um ihre CO2-Emissionen ausreichend zu senken und den globalen Temperaturanstieg bei unter 2°C zu halten. Die Stützung auf wissenschaftlich fundierte Ziele senkt die Unsicherheit in Bezug auf staatliche Vorgaben und stärkt das Vertrauen der Interessengruppen. Zudem verbessern sich die Rentabilität und Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens. Aus diesem Grund haben sich schon mehr als 300 Organisationen für diesen Ansatz entschieden.
  • Senkung der Scope 3-Emissionen. Die meisten Großunternehmen wissen zwar, wie sie ihre Scope 1-Emissionen (direkte Treibhausgase) und Scope 2-Emissionen (indirekte Treibhausgase aus eingekaufter Energie) senken können. In der neuen Energiewirtschaft hingegen werden auch die sogenannten Scope 3-Ziele eine zunehmend bedeutende Rolle spielen. Scope 3-Emissionen (oder sonstige indirekte Treibhausgasemissionen) sind definiert als „Emissionen, die eine Folge des operativen Betriebs einer Organisation sind, jedoch nicht direkt von der Organisation verantwortet bzw. kontrolliert werden.“ Diese Emissionsquellen können die täglichen Fahrten von Mitarbeitern zum Arbeitsplatz, Geschäftsreisen, Lieferkettenproduktion und verkaufte Produkte umfassen. Die Fähigkeit von Unternehmen, ihre Lieferketten zu beeinflussen und die verbundenen Scope 3-Emissionen weiter zu quantifizieren, wird in nicht allzu ferner Zukunft ein bedeutendes Unterscheidungsmerkmal sein.
  • Investition in alternative Energien. Unternehmen sind zunehmend motiviert, ihre größten Emissionsquellen umweltfreundlicher zu machen. Eine dezentrale Energieerzeugung auf der Grundlage erneuerbarer Energieträger wie Wind- und Solarenergie sowie kleinerer Energiequellen wie Batterien bleibt für die Beschaffungsstrategien von Unternehmen ein zentrales Thema. Über den Kauf grüner Zertifikate kann den Stromverbrauch weiter kompensiert werden. Bisher haben 111 Unternehmen öffentlich individuelle Ziele für die Beschaffung von 100 Prozent ihres Stroms aus erneuerbaren Energiequellen festgelegt, und zwar im Rahmen der RE100-Initiative, einem Kooperationsprogramm von We Mean Business.
  • Unternehmensverantwortung Damit Nachhaltigkeitskonzepte erfolgreich sind, müssen sie alle Unternehmensebenen durchdringen. Ein ganzheitlicher Corporate Responsibility-Ansatz hat eine wesentlich größere Wirkung als abteilungs- oder bereichsspezifische Initiativen und reicht von der Abfallreduzierung vor Ort bis hin zu Anreizen für einen umweltfreundlicheren Transport. Derartige Maßnahmen verlangen ein hohes Maß an Mitarbeiterengagement, um zu gewährleisten, dass jedes Mitglied der Organisation seine Rolle beim verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen begreift. Unternehmen, die ihre Verantwortung ernst nehmen, müssen Nachhaltigkeit auf höchster Ebene in ihren Geschäftszweck, ihre Werte und ihre tägliche Geschäftstätigkeit integrieren.

Das Engagement der Unternehmen für eine emissionsarme Wirtschaft ist für mich sehr inspirierend. Die weltweite Dynamik aus dem Übereinkommen von Paris ist mehr als ein bloßer politischer oder diplomatischer Erfolg: Hier geht es um Unternehmen, die sich dafür entscheiden, aktiv zu werden und dem Klimawandel etwas entgegenzusetzen. Diejenigen, die heute die Transformation anführen, erschließen ihren Unternehmen die besten Chancen für Wachstum in einer nachhaltigen Welt.

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